Die digitale Kita

(ZITTY, Familie in Berlin, 2017) Bis vor kurzem waren Kindergärten rein analoge Orte. Jetzt lernen schon Dreijährige an Tablets und Smartboards. Ist das sinnvoll?

In der Kita „Weiße Taube“ in Berlin Hohenschönhausen malen die Kinder mit Stiften auf Papier, aber auch mit Fingern auf dem Tablet. Wenn sie wissen wollen, was Insekten können, blättern sie in einem Bilderbuch. Oder schauen im Internet nach. Es gibt einen Garten, einen Balkon und eine Werkbank, aber auch Lerncomputer und eine Multimediastation.

Bis vor einigen Jahren waren Kindergärten rein analoge Orte. Das hat sich geändert. Erzieherinnen und Erzieher halten den Kontakt zu den Eltern per Mail und dokumentieren mit Digitalkameras, Tablets und Co. den Alltag in der Kita. Und immer mehr setzen die digitale Technik auch für ihre pädagogische Arbeit ein.  So wie Petra Schreiber. Die 60-jährige Erzieherin, die viel jünger aussieht, arbeitet in einer Einrichtung mit medienpädagogischen Schwerpunkt. Schon sehr kleine Kinder lernen hier, was man mit Computer, Mikrofon und Kameras alles machen kann.

Hänsel und Gretel als Animationsfilm

Neulich hat die Wolkenschäfchengruppe das Märchen ‚Hänsel und Gretel‘ als Stop-Motion-Trickfilm umgesetzt. Die selbstgebastelten Figuren haben die Kinder vor der Digitalkamera in Szene gesetzt, die Kulisse am Smartboard erstellt, die Filmmusik selbst eingesungen. Das hat allen großen Spaß gemacht, sagt Schreiber. Welche Medien wie genutzt werden, hänge vom Alter und Entwicklungsstand der Kinder ab. „Aber man kann einem Dreijährigen durchaus zutrauen, mit einer robusten Digitalkamera Nahaufnahmen von Blumen oder Käfern zu machen.“

Ist das nun ein Fortschritt oder nicht? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Viele halten die digitale Kita für kompletten Unsinn. Warum müssen Vorschulkinder wissen, wie eine Digitalkamera funktioniert? Sitzen die Kleinen nicht ohnehin schon viel zu lange vor Bildschirmen herum? Sollten sie nicht erst einmal die reale Welt erkunden, bevor sie die virtuelle kennenlernen? Das fragen sich nicht nur Eltern, sondern auch Pädagogen und Ärzte.

Die meisten Kinder daddeln zu viel

Er halte es für „wenig sinnvoll, dass Kinder so früh den Umgang mit digitalen Medien lernen“, sagt etwa der Berliner Kinder- und Jugendmediziner Jakob Maske. „Fakt ist, dass die  meisten Kinder heute zu viel Stunden vor den Bildschirmen verbringen und sich zu wenig bewegen. Die Auswirkungen sehe ich jeden Tag in meiner Praxis: Kinder und Jugendliche mit Übergewicht und Haltungsschäden.“ Allerdings, räumt der Kinderarzt ein, spricht aus ärztlicher Sicht nichts gegen eine gut dosierte und begleitete Medienerziehung im Kindergartenalter. „Aber grundsätzlich ist der Umgang mit digitalen Medien keine Kompetenz, die man nicht auch noch später im Leben erwerben kann.“

Weniger differenziert argumentiert der Neurowissenschaftler und Hirnforscher Manfred Spitzer, der zahlreiche Bücher über die Gefahren digitaler Mediennutzung verfasst hat. „Wenn Kita-Kinder am Tablet daddeln, dann ist das kein Bildungskick, das ist kriminell“, wetterte er letztes Jahr anlässlich eines Kongresses der Vereinigung der Waldorfkindergärten. Der Neurowissenschaftler warnt schon länger vor der „digitalen Demenz“. Die intensive Mediennutzung lässt das Gehirn verkümmern, sagt er, macht unkonzentriert und oberflächlich und richtet insbesondere bei Kindern große Schäden an. Mit diesen Thesen liegt er im Clinch mit Bildungswissenschaftlern, die einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien als ebenso wichtig erachten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen.

Online-Petition der Waldorfpädagogen

In den Walddorfpädagogen hat Spitzer Mitstreiter gefunden. Sie haben letztes Jahr die bundesweite Online-Petition „Digital-Kita! –  NEIN // Ja zu konstruktiven Bildungsinvestitionen“ gestartet. „Wir sind nicht grundsätzlich technologiefeindlich“, stellt Michael Wetenkamp, Architekt und Sprecher der Vereinigung der Waldorfkindergärten, klar. „Aber unserer Ansicht nach ist es der Entwicklung von Kindern unter zwölf Jahren nicht förderlich, wenn sie Erfahrung mit digitalen Medien machen.“

Mit der Petition wollen die Pädagogen präventiv tätig werden. Letztes Jahr haben die Kultusminister der Länder beschlossen, den Umgang mit digitalen Medien in Schulen zum Standard zu machen. Bis zum Jahr 2021 soll jeder Schüler Zugang zu einer digitalen Lernumgebung – also etwa W-LAN im Klassenzimmer und offene Lernunterlagen im Netz – haben. Außerdem sollen sie lernen, die neuen Techniken kompetent zu nutzen.

Dem Pressesprecher der Kulturministerkonferenz zufolge war zwar angedacht, die Frühpädagogik miteinzubeziehen. Aber dann hat man das doch gelassen. Einmal, weil die Zuständigkeiten für Kitas und Krippen in den einzelnen Bundesländern teilweise gar nicht im Bildungsressort angesiedelt sind. Ein anderer Grund dürfte sein, dass Digitalisierung und Frühpädagogik heiße Eisen sind, an denen sich Politiker leicht die Finger verbrennen können.

In den Ausbau der digitalen Schule werden fünf Milliarden Euro investiert, das wecke doch sicher Begehrlichkeiten bei Technologiekonzernen, befürchtet Wetenkamp. Wenn das so weitergeht, sind dann nicht Google und Co. bald auch im Kindergarten präsent? Geht es nach den Waldorfpädagogen, soll der Kindergarten ein für alle Zukunft vor digitalen Endgeräten geschützter Raum bleiben. Freies Spielen, sich bewegen, Dinge anfassen, riechen, fühlen, schmecken. So sollen Kinder die Welt kennenlernen, nicht beim Über-den-Bildschirm-wischen.

Kein passives Konsumieren

Es mag überraschen, aber mit dieser Haltung sind die Kritiker der Digitalisierung gar nicht so weit weg von ihren Befürwortern. Denn auch Medienpädagogen sind der Auffassung, dass es im Leben von Kleinkindern insbesondere nicht-medial vermittelte Inhalte geben sollte. „Digitale Welten dürfen reale Erfahrungen in der Frühpädagogik nicht verdrängen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für empirische Medienforschung Dorothee M. Meister von der Universität Paderborn. „ Aber wenn man sie in den Bildungsprozess integriert und kreativ einsetzt, haben sie enorme Potenziale.“

Übersetzt in die Berliner Kitawirklichkeit könnte das bedeuten: Kein Film über Fische kann die sinnliche Erfahrung ersetzen, die Kinder beim Koi-Streicheln im Aquarium machen. Aber mit einem Multimediaquiz im Anschluss an den Zoobesuch können sie ihre Erfahrungen reflektieren und noch etwas über Tierhaltung mitnehmen „Es geht nicht darum, Medien passiv zu konsumieren, sondern sie aktiv als Werkzeug zu benutzen“, sagt Meister. Voraussetzung sei allerdings, dass Erzieher wissen, wie man sie didaktisch-pädagogisch einsetzt.

Da gibt es noch Nachholbedarf. Viele Bundesländer, auch Berlin, haben zwar die Vermittlung von Medienkompetenz – und damit auch den Umgang mit digitalen Medien – in ihre Bildungspläne aufgenommen, also in ihre Leitlinien für die Kindertagesstätten. Aber nur eine kleine Minderheit der 2400 Berliner Einrichtungen hat wie die weiße Taube ein medienpädagogisches Konzept. In der Ausbildung von Erziehern und Erzieherinnen spielt Medienbildung immer noch eine eher randständige Rolle, sagt Sarah Lange vom BITS 21, der Fortbildungseinrichtung des Jugendhilfeträgers fjs. Lange und ihr Team schulen dort seit dem Jahr 2000 pädagogische Fachkräfte, wie sie in ihrem Berufsalltag kompetent mit Medien umgehen. Auch Petra Schreiber hat sich hier weitergebildet.

Die Nachfrage ist groß. „Selbst die jüngeren, die sogenannten ‚digital natives‘, die mit technischen Geräten, Internet und Apps aufgewachsen sind, wissen oft nicht, wie man das didaktisch nutzen kann“, sagt Lange. Dabei sei diese Kompetenz gerade für Erzieher in der Kita wichtig: „Die Auseinandersetzung mit Medien beginnt heute deutlich früher als noch vor wenigen Jahren. Das ist eine Realität, die wir nicht ausblenden können.“ Schon Babys erleben tagtäglich in ihren Familien, wie Mama, Papa oder Geschwister Smartphones, PCs, Laptops oder Tablets bedienen.

„Wir müssen auch die benachteiligten Kinder abholen“

„Die Kinder kommen frühmorgens mit den Medienerlebnissen in die Kita. Das müssen wir auffangen“, sagt auch Erzieherin Petra Schreiber. So wie die Ängste eines vierjährigen Jungen, der gerade eben viele schwarze und rote Striche auf ein weißes Blatt Papier gekitzelt hat. Das ist ein Zombie, sagt er. Ob er zu Hause Minecraft gespielt hat? Schreiber weiß es nicht. Sie wird mit dem Jungen darüber reden und eventuell auch mit den Eltern.

„Viele Mütter und Väter sind sehr reflektiert und besorgt, wenn es um den Umgang mit Medien geht. Die wissen um die Risiken von Mediennutzung und stellen zu Hause Regeln auf“, sagt sie. Aber genauso viele sind es eben nicht. Die lassen ihre Kinder Filme sehen, die für Erwachsene gedacht sind oder posten planschende Nackedei-Fotos im offenen Facebook-Profil. Manche Eltern haben nicht die Zeit und die Kraft, die Mediennutzung ihrer Kleinen so zu kontrollieren, wie es nötig wäre.

Von Kindergärten, die das Thema digitale Medien komplett verbannen, hält Schreiber daher wenig. „Wir müssen alle Kinder abholen, auch die benachteiligten.“ Gerade Jungs und Mädchen, deren Eltern unbedarft sind, was die Mediennutzung anbelangt, brauchen bei dem Thema kompetente Erzieher als Vorbild und Rollenmodell. In der weißen Taube ist die Spielzeit am Lerncomputer, der im Gang neben der Werkbank steht, auf fünf Minuten begrenzt. Tablets und Kamera nutzen die Kinder nicht täglich, sondern immer nur projektbezogen. Schreiber spricht mit den Kindern darüber, warum nach der Computerzeit Herumtoben im Garten so wichtig ist. Oder wie sie merken, dass der Körper keine Lust mehr auf Bildschirm hat und sich entspannen muss. Es braucht oft viele Morgenkreise, bis die Kinder das verstehen, sagt sie.

„Jede Bildungseinrichtung hat den Auftrag, altersangemessen dafür zu sorgen, dass Kinder zu kompetenten, sozial verantwortlichen und selbstständigen Menschen heranwachsen – und zwar in einer Welt, die von Medien durchdrungen ist“, sagt auch Sarah Lange von BITS 21. Den Wunsch einiger Eltern und Pädagogen, die Kindheit so zu belassen, wie sie einmal war, als medienfreien Schutzraum, kann sie gut nachvollziehen. Aber das entspräche nun mal nicht der Realität. „Social Media, Smartphone, Internet – diese technischen Entwicklungen haben wir als Gesellschaft doch zugelassen. Jetzt müssen wir dafür die Verantwortung übernehmen und unseren Kindern zeigen, wie sie gut damit umgehen können.“

Erschienen in Familie in Berlin 2017, der gemeinsamen Sonderedition von zitty und tip Berlin.